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rework -oder: Die Kalifornische Ideologie will nicht sterben

Als Richard Barbrook und Andy Cameron ihre wegweisende Kritik an den Cyber-Libertären kalifornischer Prägung verfassten, war das Internet überwiegend von Akademikern (Text) und Zapatisten (mehr Text) bevölkert (The californian ideology, Mute 3, Herbst 1995).


Bild zeigt Kinderarbeit, die keineswegs historisch ist. rework?
rework? Diese Kinder haben noch gearbeitet. Quelle: Library of Congress

Sie schlossen seinerzeit: 

"We need to debate what kind of hypermedia suits our vision of society - how do we create the interactive products and on-line services we want to use, the kind of computers we like and the software we find most useful. We need to find ways to think socially and politically about the machines we develop. While learning from the can-do attitude of the Californian individualists, we also must recognise the potentiality of hypermedia can never be solely realised through market forces. We need an economy which can unleash the creative powers of hi-tech artisans. Only then can we fully grasp the Promethean opportunities as humanity moves into the next stage of modernity." 

Die Säulen der Kalifornischen Ideologie - knallharte Ablehnung des Staates, Fetischisierung des Marktes wie des Privateigentums und ein infantiler Hedonismus - sind seitdem nicht kohärenter geworden. Diese Gemengelage bleibt wie der Neoliberalismus intellektuell schwachbrüstig, aber wirkmächtig und mitnichten auf die Westküste beschränkt (beschränkt aber bleibt das Konzept). 

Im Gegenteil es raus- und reinkarniert in immer neuen Formen, zuletzt in: Rework von Jason Fried und David H. Hanson. Ich hätte es ja auf sich beruhen lassen, wenn nicht einige Alphadeppen in einem Kreuzberger Etablissement unlängst lauthals das Buch als Lösung aller möglicher Probleme gepriesen hätten. 

Zunächst: Das Buch ist lesenswert, weil es all die Weisheiten gängiger Management Ratgeber in die Tonne tritt. In kurzen Artikeln, Häppchen eher, wird all das, was unseren Prozessoptimierern und Workflowfetischisten so heilig ist, ad acta gelegt. 

Das ist erfrischend und aus meiner Erfahrung auch völlig richtig: Kein Projektmanagement, sondern agile Entwicklung. Nicht dokumentieren, was die Kunden wünschen, sondern Ihnen zuhören. Mitarbeiter nach acht Stunden Arbeit nach Hause schicken, weil die danach eh nur noch Mist bauen. 

  • Lebensläufe sind lächerlich.
  • Workaholics gehören entlassen.
  • Besprechungen sind das reine Gift.

 Sie gewinnen diese Erfahrung aus ihrer eigenen Arbeit bei und als Gründer von 37signals, einer einflussreichen Softwareentwicklungsfirma mit Millionen von Kunden. 

Wieder und wieder betonen die Autoren, dass sie diese ganze Arbeit mit einem kleinen, global verteilten Team (16 Leute) stemmen. Sie verlieren aber kein Wort darüber, wer bei ihnen putzt (und zu welchen Bedingungen) oder all die anderen Arbeiten erledigt, die bei der Softwareentwicklung anfallen, von der Buchhaltung bis zur Qualitätssicherung. 

Das alles kann man auslagern, aber dann soll man bitte nicht so tun, als würde man mit 16 Leuten die Zukunft der Arbeit einläuten und könne in der unternehmerischen Zukunft auf Gewerkschaften, Betriebsräte und all den arbeitsrechtlichen Schnickschnack verzichten. Man kann die Inhalte des Buches prima nutzen, um all die Vertreter des mittleren und oberen Managements, die diskursiv eh nur mühsam mithalten, zu blamieren. Dafür sind die maximal zwei Stunden Lektüre gut investiert. In zwei Stunden verdaut man aber auch mindestens ein Kapitel von David Harveys aktuellem Buch und lernt ungleich mehr: The enigma of capital